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Angstreduktion

"Mit Musik geht alles besser..."

- Rezeptives Musikhören als pflegerisches Mittel zur präoperativen Angstreduktion -

Willi Kopp, Ellen Locher

Das zentrale Pflegeproblem vieler präoperativer Patienten ist die Angst vor der Anästhesie. Im Folgenden wird das "rezeptive Musikhören" (Freitag, Kalmbach 2000) als neues Mittel zur Angstreduktion beschrieben. In diesem Beitrag skizzieren die Autoren das Problemfeld, den Ablauf, die Indikation und die ersten Erfahrungen damit.

Das Problemfeld

Eine anstehende Operation und die damit verbundene Anästhesie lösen bei vielen Patienten Angstgefühle aus. Aus der täglichen Praxis und aus Untersuchungen ist bekannt, dass zwischen 50 und 80 Prozent der befragten Patienten präoperativ von ihren Ängsten berichten (Radke 1995). Im Laufe der letzten Jahrzehnte haben diese Ängste, trotz wesentlicher Fortschritte der Anästhesie, angeblich sogar noch zugenommen (Tolksdorf 1997).

Komponenten der Angst

Patienten mit weniger Angst benötigen weniger Medikamente

Mit Angst wird ein sehr unangenehmer Gefühlszustand einer eher unspezifischen, diffusen Bedrohung bezeichnet. Dieses Gefühl löst einen psychosozialen Stress aus.

Die Angst spielt sich jedoch nicht nur im Gefühlsbereich ab, sondern schlägt sich auch in somatischen Reaktionen wie zentral-periphervenöser und endokriner Stimulation nieder. Bei Patienten mit kardio-vaskulären und pulmonalen Problemen kann diese Folge der Angst sehr schnell zu einer vitalen Gefährdung werden. Außerdem ist ebenfalls aufgrund verschiedener Untersuchungen davon auszugehen, dass der Narkotikabedarf in der Einleitungs- und Erhaltungsphase sowie der postoperative Verbrauch von Schmerzmedikamenten mit dem Angstniveau der Patient positiv korreliert (Radtke 1995; Tolkdorf 1997).

Häufig müssen bei Regionalanästhesieverfahren zusätzlich zur Beruhigung der Patienten Benzodiazepine eingesetzt werden. Diese bewirken außer einer Anxiolyse auch eine Sedierung, die die postoperative Vigilanz beeinträchtigen kann und so zu längeren Aufwachzeiten führt. Zudem besteht - insbesondere bei älteren Patienten - die Gefahr einer paradoxen Reaktion, die nicht selten dazu führt, dass die Operation in Narkose beendet werden muss.

Angst vor OP oder Anästhesie?

Die Ängste der Patienten beziehen sich oft häufiger auf die Anästhesie als auf die OP

Die Frage, ob sich die Angstgefühle vermehrt auf die Operation oder die Anästhesie beziehen, lässt sich schwer beantworten, weil im Einzelfall eine Vielzahl von konkreten Bedingungen zusammenwirken. Nach einer präoperativen Fragebogenerhebung geben 45 Prozent der Patienten Angst vor der Narkose und 36 Prozent vor dem chirurgischen Eingriff an (Freitag, Kalmbach 1999).

Möglichkeiten der Angstreduktion

Durch die üblichen nichtmedikamentösen Verfahren zur Angstreduktion, wie die Aufklärung bei der Prämedikation durch den Anästhesiearzt und Information durch die Pflegekraft der Anästhesie, kann die auf Unwissenheit beruhende Angst abgebaut werden. Dabei leistet pflegeseits die Information über den genauen Ablauf der Prozedur (Schleuse, Kleidung, Toilette, Einschlaf- und Aufwachphase) eine gezielten Beitrag zur Reduktion der Patientenängste.

Als neue und nebenwirkungsfreie Ergänzung bietet sich das rezeptive Musikhören an. Es hat sich bereits als wirksame Methode zum Angstabbau und als vorteilhaft für den Verlauf der Anästhesie erwiesen. Diese Vorteile sind sowohl präoperativ, bei Regionalanästhesien als auch bei Analgosedierungen beschrieben worden (Kamin u. a. 1997).

Durchführung

Den Patienten wird bereits bei der Prämedikation, spätestens bei dem Empfang durch die Anästhesiepflegekraft angeboten, Musik zu hören. Die Patienten entscheiden dann, ob sie von diesem Angebot gebrauch machen möchten. Sie können nun entweder eigene mitgebrachte, ihnen vertraute CDs bevorzugen oder auf unsere "Hitliste" von etwa 50 CDs zurückgreifen.

Wir bieten an:
– Entspannungsmusik
– Pop- und Rockmusik
– Schlager
– Oldies
– Klassik.

Die Lautstärke wird in der Narkoseeinleitung mit dem Patienten gemeinsam bestimmt. Eine Selbstregulierung im Bereich des Kopfhörers ist möglich.

In Absprache mit der Hygienefachkraft ist folgende Handhabung unbedenklich: Mit einer OP-Haube (Barett) werden die Ohren komplett bedeckt und der mit Schaumstoff gepolsterte Kopfhörer wird darüber gelegt. Der CD-Player befindet sich in einer Schutztasche und ist patientenfern positioniert. Wird die Lautstärkenregelung in Anspruch genommen, so muss er hinterher mit einer Wischdesinfektion gereinigt werden. Dies entspricht auch der Betreiberverordung (DO-MPBetriebV § 4 Instandhaltung).

Indikationen

Wir haben anfangs die Musik vorwiegend bei regionalen/lokalen Anästhesieverfahren angeboten:

– Sectio caesarea in Periduralanästhesie
– Hüft-TEP bei Coxarthrose in Spinalanästhesie
– Amputationen in Regionalanästhesie
– Herniotomie in Spinalanästhesie
– Verwirrte Patienten.

Zunehmend setzen wir das rezeptive Musikhören sowohl zum Angstabbau während der Narkoseeinleitung als auch während des Zurückkehrens der Vigilanz ein.

Fallbeispiel bei Regionalanästhesie

Herr S. 76 Jahre, musste sich auf Grund seiner diabetischen Gangrän einer Unterschenkelamputation unterziehen. Zur Phantomschmerzprophylaxe sollte die geplante Operation in Spinalanästhesie durchgeführt werden. Trotz grosser Ängste bezüglich des Wachseins ("Da höre ich doch bestimmt ein Bohren und Sägen!") stimmte Herr S. zu. Der Patient erhielt auf seinen Wunsch eine Volksmusik-CD, die er ziemlich laut einstellte. Eine zusätzliche Gabe von Benodiazepinen war nicht notwendig.

Fallbeispiel bei Vollnarkose

Frau M. 45 Jahre, angemeldet zur laparaskopischen Herniotomie, kam weinend in den Narkosevorbereitungsraum. Nach der Ursache ihrer Trauer befragt, beschrieb sie Ängste der unterschiedlichster Art.: Sie habe unheimliche Angst vor dem Einschlafen und zum anderen, "ob sie denn auch wieder aufwachen würde", sie habe ja zwei Kinder zuhause zu versorgen.

Es wurde mit ihr nochmals den Ablauf besprochen und das Angebot zum Musikhören beim Einschlafen gemacht. Die Patientin stimmte spontan zu, fragte nach "Doors", es konnte leider nur "Santana" angeboten werden. Dieser Alternative stimmte Frau M. gerne zu. Dem Musikwunsch der Patientin konnte also nahezu entsprochen werden.

Die Narkoseeinleitung erfolgte danach ruhig und gelassen, die Patientin war schon vor der Medikamentengabe deutlich entspannter, das Einleitungshypnotikum konnte völlig normal dosiert werden.

Noch während des weanings, bis zum völligen Erwachen der Patientin, begleitete sie die Musik. Kurze Zeit später im Aufwachraum äußerte sich die Patientin begeistert und berichtete, dass sie schon vor dem Einschlafen wesentlich ruhiger war.

Unsere ersten Erfahrungen

Das Angebot Musik zu hören stößt bei den Patienten auf ein großes Interesse und wird auch ärztlicherseits sehr unterstützt. Bisher haben so gut wie alle Patienten davon Gebrauch gemacht.

Durch die Möglichkeit, Musik zu hören, gelingt es offensichtlich, die Verabreichung von Beruhigungsmedikamenten weitgehend zu vermeiden. Die in der angeführten Literatur gemachten Aussagen können somit durch unsere ersten Erfahrungen im wesentlichen bestätigt werden.

Unter dem Aspekt des Qualitätsmanagements trägt das rezeptive Musikhören dazu bei, die objektive Leistungsqualität zu verbessern, indem weniger Medikamente mit den entsprechenden Neben- und Folgewirkungen verabreicht werden müssen. Die subjektive Patientenzufriedenheit wird gefördert, weil die Patienten das Musikhören als angenehm empfinden.

Durch weniger Medikamente und kürzere Aufwachraumzeiten wird die Kostensituation ebenfalls optimiert. Last but not least: Mit dem rezeptiven Musikhören leistet die Pflege in der Anästhesie einen wirksamen Beitrag zum Erfolg der Dienstleistungsqualität des Krankenhauses.

Literatur bei Autoren

Anschrift des Verfassers:

Willi Kopp
Pflegedienstleiter, Student d. Betriebswirtschaft (VWA)

Ellen Locher
Fachkrankenschwester AN/Intensiv, Mentorin

Kliniken Ludwigsburg-Beitigheim gGmbH
Krankenhaus Bietigheim

Riedstraße 12
74321 Bietigheim

E-Mail: WilliKopp@web.de

Quelle:

Bibliomed / Schwester&Pfleger 03/2001

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