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"Super-GAU" im OP:

Die vergessene Klemme

- Zum Risiko-Management des OP-Pflegedienstes –

Von Christian Lutterbeck, Rechtsanwalt in Köln

Die Schadenspraxis im Bereich der Heilwesen-Haftpflichtversicherung zeigt, dass es bei der pflegerischen Arbeit im OP zwei potentielle Risiken gibt, die im Falle der Realisierung äußerst schwerwiegende Folgen für den Patienten haben können und die schadenersatzrechtlich leider immer wieder zu behandeln sind: Die Verwechslung von zu operierenden Personen und Körperseiten und das unabsichtliche Zurücklassen von Fremdkörpern.

In beiden Fällen liegt ein extremer Fall eines Organisationsverschuldens im Krankenhaus vor, der für den Patienten eine folgenschwere Katastrophe, für das Operationsteam eine äußerst peinliche Angelegenheit, für die Medien eine spektakuläre Nachricht mit höchstem Wirkungsgrad und für den Krankenhausträger ein Vorfall mit nicht absehbaren Folgen für das Image des Unternehmens ist. Nach einem Schaden kann das gesteigerte Interesse der Medien erfahrungsgemäß zu empfindlichen finanziellen Einbußen für das Krankenhaus führen. Abgesehen davon droht dem verantwortlichen Operateur in derartigen Fällen häufig eine strafrechtliche Inanspruchnahme und unter Umständen das Ende seiner medizinischen Laufbahn.

Verwechslungen im Zusammenhang mit der medizinisch-pflegerischen Versorgung des Patienten sind bei ständig steigender Auslastung der Operationsabteilungen, sinkender Verweildauer, hohem Spezialisierungsgrad der Fachabteilungen bei Diagnostik und Therapie und in der Zusammenarbeit unterschiedlicher Berufsgruppen nicht ungewöhnlich. Behandlungs- und Operationsmethoden werden ständig verfeinert, vielfach jedoch nicht die mit ihnen einhergehenden notwendigen Arbeitsabläufe, wie die Schadenfälle aus dem OP immer wieder zeigen. Der komplexe Arbeitsplatz Operationssaal stellt an alle seine Mitarbeiter hohe Ansprüche, insbesondere an ihre Kooperationsfähigkeit. Die einzelnen Tätigkeiten aller Beteiligten sind besonders eng miteinander verknüpft. Verwechslungen entstehen häufig dadurch, dass die zum Patienten gehörenden Untersuchungsergebnisse, Röntgenbilder, Dokumentationssysteme nicht komplett oder in der Patientenakte falsch zugeordnet sind.

Eine Verminderung dieser Haftungsrisiken hängt eng mit guter pflegerischer Leistung zusammen. Häufig ist auch eine fehlerhafte Organisation von Arbeitsabläufen die Ursache für derartige Schadensfälle. Zur Vermeidung schwerwiegender Folgen von Verwechslungen muss eine Klinik daher ein verlässliches Informationssystem installieren, welches eine lückenlose Ablauforganisation sicherstellt und eine eindeutige Identifikation des Patienten, der Erkrankung sowie des geplanten Eingriffes ermöglicht. Erschwert wird die Arbeit des OP-Pflegepersonals, wenn keine Kriterien zur präoperativen Patientenvorbereitung fachdisziplinbezogen von den abteilungsverantwortlichen Ärzten festgelegt wurden. Das Überprüfen des Patienten und der dazu gehörenden Behandlungsunterlagen sollte in den OP-Sälen nach einem einheitlichen Muster ablaufen. Bei aller organisatorischen Vorgabe steht und fällt die Effektivität eines Sicherungssystems zur Vermeidung von Verwechslungen dabei mit der Kooperationsbereitschaft der beteiligten Berufsgruppen. Die Sicherheit für den Patienten ist immer dann am größten, wenn zwischen Ärzten der verschiedenen Fachdisziplinen untereinander und zwischen Ärzten und dem OP-Pflegepersonal ein Klima der entspannten und regelmäßigen Kommunikation etabliert ist. Ein solches Klima ermöglicht eine gegenseitige Überprüfung ohne Kontrolle. Mit geringen Mitteln kann so jedes Krankenhaus die beschriebenen Organisationsdefizite vermeiden und einen Sicherheitsstandard zur Vermeidung von Verwechslungen von Patienten oder Operationsfeldern gewährleisten.

Als Sicherheitsstandard zur Vermeidung von vergessenen Fremdkörpern empfiehlt sich hingegen eine penible Zählkontrolle des OP-Personals vor und nach dem Eingriff. Dies erscheint auf den ersten Blick zwar selbstverständlich und daher nicht besonders erwähnenswert, dennoch kommt es in dieser Hinsicht immer wieder zu äußerst peinlichen und folgenschweren Pannen, wie der folgende Haftpflichtschaden, der sich kürzlich in einer Chirurgischen Klinik ereignete, zeigt:

Nach zahlreichen vorangegangenen Operationen wegen eines Rektum-Karzinoms wurde dem 70-jährigen Patienten bei der in Rede stehenden Operation ein Dünndarmtumor entfernt. Nach dieser umfangreichen Operation klagte der Patient ständig über Unterbauchschmerzen, die jedoch als typische, postoperative Schmerzen erklärt wurden. Nach sieben Tagen konnte er aus der stationären Behandlung entlassen werden. Wegen der fortbestehenden Beschwerden im Bauchbereich begab er sich sofort zu seinem Hausarzt, der jedoch auch keine Erklärung für die starken Schmerzen hatte. Nach zwei Monaten begab sich der Patient wegen des Dauerschmerzes aus eigenem Antrieb in die Behandlung eines Urologen, der einen Harnwegsinfekt und eine Entzündung der Prostata diagnostizierte und eine röntgenologische Darstellung des Nierenbeckens veranlasste. Auf dem Röntgenbild kam dann eine große Klemme (über 15 cm Länge) im Bauchraum zur Darstellung.

Der Patient wurde sofort stationär eingewiesen. Einen Tag später wurde ihm vom Chefarzt der Chirurgischen Klinik der Fremdkörper entfernt. Die Klemme war zum Teil im kleinen Becken verwachsen, ließ sich aber problemlos aus dem Gewebe entfernen. Die Spitze des Fremdkörpers hatte den Dünndarm perforiert. Nach Entfernung des Fremdkörpers mussten ein Teil des Darmes exzidiert und der Darm wieder vernäht werden. Eine langstreckige Entfernung des Dünndarmes war glücklicherweise nicht erforderlich. Der postoperative Verlauf gestaltete sich komplikationslos, der Patient konnte schließlich schmerzfrei und beschwerdefrei entlassen werden.

Noch während des stationären Aufenthaltes des Patienten schaltete der Krankenhausträger seinen Haftpflicht-Versicherer ein und bat angesichts der Brisanz des Falles um eine rasche Entschädigung des Geschädigten, bevor die Presse oder ein Anwalt hinzugezogen würde. Zum Haftungsgrund bedurfte es selbstverständlich keiner ärztlichen Stellungnahme mehr. Das schwere Versäumnis des Operationsteams lag auf der Hand. Um ein Schmerzensgeld in angemessener Höhe ermitteln zu können, benötigte der Haftpflicht-Versicherer lediglich eine Stellungnahme des behandelnden Arztes zu der Frage, welche gesundheitlichen Nachteile dem Geschädigten durch das Zurücklassen der großen Klemme im Bauchraum und der nachfolgenden Operation zur Entfernung des Fremdkörpers entstanden waren bzw. noch entstehen konnten, die nicht auf das ohnehin vorhandene schwere Grundleiden des Geschädigten (Mesenterialtumor, Rektum-Karzinom, Kehlkopf-Karzinom) zurückzuführen waren.

Nach Auskunft des behandelnden Arztes musste bei der zweiten Operation kein Dünndarm entfernt werden. Von dieser Seite war daher glücklicherweise kein Zukunftsschaden zu erwarten. Es konnte daher davon ausgegangen werden, dass dem Patienten durch den Behandlungsfehler kein weitergehender Gesundheitsschaden entstanden war. Auf der Grundlage dieser Informationen bot der Versicherer dem mittlerweile anwaltlich vertretenen Geschädigten ein Schmerzensgeld von 15000 DM an. Er orientierte sich dabei an dem jüngst veröffentlichten Urteil des OLG Hamm (VersR 2000, 325), das einer Patientin für einen zweijährigen Leidensweg nach Zurückbleiben eines Teils einer Metallzange im Operationsgebiet nach einer Hüftgelenksoperation einschließlich materiellem Schaden 16175 DM zugesprochen hatte. In dem dort entschiedenen Fall hatte die Klägerin ein Schmerzensgeld von mindestens 50000 DM verlangt. Weder das Landgericht noch das OLG Hamm sind der Klägerin in dieser Hinsicht gefolgt.

Der Rechtsanwalt des Geschädigten forderte im vorliegenden Fall indessen ein Schmerzensgeld von mindestens 35000 DM und verwies darauf, dass sein Mandant über zwei Monate lang unter unerträglichen Schmerzen gelitten habe. Die untersuchenden Ärzte hätten ihm dafür keine Erklärung geben können und seine Beschwerden letztlich nicht ernst genommen. Neben den körperlichen Schmerzen habe ihm auch seine hoffnungslose Situation stark zu schaffen gemacht. Während seines Martyriums habe er 16 Kilogramm abgenommen. Nur weil er aus eigenem Antrieb einen Urologen aufgesucht habe, sei die Klemme entdeckt und die Angelegenheit nicht wesentlich schlimmer ausgegangen. Schließlich müsse sich auch die erhebliche Größe des Corpus alienum und das daraus folgende grobe Verschulden des Operationsteams schmerzensgelderhöhend auswirken. Außerdem könne man nicht sicher sein, ob die durch die vergessene Klemme verursachte Dünndarmperforation nicht doch noch weitergehende Gesundheitsschäden hervorrufen werde. Der Dünndarm sei im Klemmenbereich bereits verwachsen gewesen. Die Perforationsstelle habe immerhin herausgeschnitten werden müssen.

Es konnte schließlich ein Abfindungsvergleich in Höhe von 21000 DM erzielt werden. Hinzu kamen die Rechtsanwaltkosten des Geschädigten von über 3000 DM. Ferner übernahm der Haftpflicht-Versicherer auf Bitten des Krankenhausträgers wegen der Brisanz des Falles die dort entstandenen Kosten für die notwendige Nachoperation inklusive der elftägigen stationären Behandlung in Höhe von rund 7700 DM, damit die Krankenkasse des Geschädigten von diesem peinlichen Zwischenfall nichts erfuhr. Ansonsten hätte die Krankenkasse diese Behandlungskosten ohnehin aus übergegangenem Recht nach § 116 SGB X beim Krankenhausträger regressieren können.

Anschrift des Verfassers:

Christian Lutterbeck
GVV-Kommunalversicherung VVaG
Aachener Str. 1040
50858 Köln

Quelle: Bibliomed Verlag

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